Veröffentlicht am Mo., 23. Mai. 2022 10:38 Uhr

*Hallo Tansania! Seit mehr als 40 Jahren sind die Kirchenkreise Charlottenburg-Wilmersdorf und Iringa-West in Partnerschaft. In dieser Kolumne schauen wir nach Tansania und berichten über Aktuelles aus Iringa, dem Straßen- und Waisenkinderhaus „Huruma Centre“ und der AG Partnerschaft.

Die Kinder in Afrika
oder:
Sich selbst helfen
wie das Huruma Centre in die Gesellschaft wirkt

Eigenverantwortung ist eine Floskel, ganz offiziell. Das Sprachkritik-Projekt Floskelwolke kürte das in Corona-Zeiten äußerst strapazierte Wort im vergangenen Jahr zur „Floskel des Jahres“. Auch wenn man über Länder im globalen Süden spricht, sind Floskeln nicht weit. Man denke an „Die Kinder in Afrika“, die angeblich für jedes Essen dankbar wären – Sie kennen diese Moralkeule vielleicht noch aus Ihrer Kindheit als Reaktion auf nicht restlos leergegessene Teller (hoffentlich nicht). Oder an das Wort „Entwicklungshilfe“, das von Beginn an das Kräfteverhältnis selbst gutgemeinter Beziehungen zementiert und deshalb in der Mottenkiste verschwunden ist – man spricht im Fachjargon heute lieber von Entwicklungszusammenarbeit. Aber zurück zur Eigenverantwortung, zu der mir eine Begebenheit aus Tansania eingefallen ist.

Joyce Ngandango

Als unsere Berliner Reisegruppe vor fünf Jahren Iringa und das Huruma Centre besuchte, trafen wir zum ersten Mal Joyce Ngandango. Die Pfarrerin hatte gerade ihre Stelle als Leiterin des Straßen- und Waisenkinderhauses angetreten und beeindruckte uns mit ihrer Energie und ihrer Vision, wie das Huruma Centre ausgebaut und wirtschaftlich unabhängiger werden könne. Der Bedarf an Heimplätzen war riesig. Joyce erzählte später, dass schon in ihren ersten Wochen im Haus immer wieder die Sozialbehörde anrief, um Notfälle im Huruma Centre unterzubringen: Waisen von der Straße, sexuell missbrauchte Mädchen, Kinder, die vor ihren eigenen Verwandten versteckt werden mussten. An einen Satz aus dem Gespräch erinnere ich mich besonders. „Wir müssen der Gesellschaft hier wieder klar machen, dass sie die Verantwortung für ihre Kinder hat“, sagte Joyce sehr nachdrücklich. Jetzt, fünf Jahre später, scheint ihre Forderung gehört zu werden.

Als im Oktober vergangenen Jahres das Jungenwohnhaus im Huruma Centre samt Möbeln, Kleidung und Spielzeug nach einem Kurzschluss ausbrannte, spendete eine Familie aus Iringa umgehend einen Stapel neue Matratzen für das Ausweichquartier der Kinder. Andere sponserten den Jungen neue Schultaschen und -uniformen, damit sie weiter zur Schule gehen konnten. Bildung geht vor! Und auch ein lange gehegter und aus finanziellen Gründen aufgeschobene Wunsch des Huruma Centres wurde wahr: Fast alle Kinder haben seit neuestem eine Krankenversicherung – finanziert von Menschen vor Ort. Dieser verhältnismäßig günstige staatliche Versicherungsschutz gilt nur für unter 18-Jährige. Doch nicht alle Kinder, die heute im Centre leben, haben in diesem Alter schon einen Schulabschluss: Einige von ihnen hatten vor ihrer Huruma-Zeit überhaupt noch nie eine Schule besucht, andere wurden aus schwierigen Verhältnissen ins Haus gebracht und brauchten erst einmal Ruhe. Joyce will nun vor Ort dafür werben, dass auch die älteren Jugendlichen krankenversichert werden können. Die Gesellschaft übernimmt Verantwortung und „die Kinder in Afrika“ freuen sich. Diesmal wirklich.

Die AG Partnerschaft trifft sich etwa einmal im Vierteljahr, um Neuigkeiten aus Tansania zu diskutieren, Besuche und Reisen zu planen und aus Ideen Projekte zu machen. Ab und an sind unsere Partner in Tansania per Videokonferenz zugeschaltet. Vielleicht sind Sie beim nächsten Mal schon dabei? Wenn Sie mehr erfahren möchten, wenden Sie sich an Oliver Neick, per Mail: neick@gustav-adolf-gemeinde.de oder Telefon 030 344 60 94. www.cw-evangelisch.de/tansania

Juliane Kaelberlah

Kategorien Neuigkeiten aus der Gemeinde