Veröffentlicht am So., 16. Jun. 2019 22:52 Uhr

Den Tyrannen widerstanden

Ausflugstipp: Spurensuche in Dahlem Dorf

Der 1913 erbaute U-Bahnhof Dahlem-Dorf sollte nach dem Willen Kaiser Wilhelms II. wie ein Bauernhaus aussehen. Also bekam er Wände aus Fachwerk und ein reetgedecktes Dach. Wer den Bahnhof verlässt, erblickt links, hinter der Straßenkreuzung, die um 1300 errichtete Dorfkirche. Sie ist der Heiligen Anna geweiht. Im Chor hängt seit 1992 eine dreiteilige Abbildung, das „Triptychon für Auschwitz“. Der Mittelteil zeigt einen Mann am Kreuz, der einen Judenstern und eine gestreifte KZ-Hose trägt. Zur Kanzel, die 1679 eingebaut wurde, führt eine Tür mit der Aufschrift aus Jeremia 1, 8. „Fürchte dich nicht für ihnen. Denn ich bin bey dir.“

Dass das mehr als ein frommer Spruch ist, zeigt sich am frühen Abend des 8. August 1937: Die Polizei hat die Kirche abgeriegelt, um mehrere hundert Frauen und Männer daran zu hindern, einen Fürbittgottesdienst für Pfarrer Martin Niemöller zu halten. Er war auf Anordnung Hitlers ins KZ verschleppt worden. In der Menge, die vor der Kirche ausharrt, stimmt jemand den Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ an, und alle fallen ein. Die Polizisten nehmen die fest, die an der Kirchhofmauer stehen. Die Demonstranten singen „Erhalt uns Herr, bei Deinem Wort und steure deiner Feinde Mord“, sprechen das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser.

Dass Dahlem eine Hochburg der Bekennenden Kirche (BK) war, der Protestanten, die sich der Gleichschaltung durch die Nazis widersetzten, kann man auf dem Friedhof erkennen, der die Annenkirche umgibt. Am Eingang fällt das Grab Helmut Gollwitzers (1908-1993) ins Auge. Er war Niemöllers Nachfolger. Am 16. November 1938, dem Buß- und Bettag, thematisierte er in der Predigt, was am 9. November, in der „Reichspogromnacht“ geschehen war: „Es wäre vielleicht das Richtigste, wir würden nicht singen, nicht beten, nicht reden. Wir sind mitverhaftet in die große Schuld, dass wir schamrot werden müssen, wie biedere Menschen sich auf einmal in grausame Bestien verwandeln. Wir sind alle daran beteiligt, der eine durch Feigheit, der andere durch Bequemlichkeit, die allem aus dem Wege geht, durch das Vorübergehen, das Schweigen, das Augenzumachen, durch die Trägheit des Herzens, durch die verfluchte Vorsicht."

Auf dem Friedhof liegt auch Elisabeth Schiemann (1881-1972), die zu Unrecht vergessen ist. Weil die renommierte Genetikerin den Rassenwahn der Nazis mit wissenschaftlichen Argumenten widerlegte, verlor sie 1940 die Lehrbefugnis. Sie hielt sich zur BK und versteckte zwei jüdische Schwestern vor den Nazischergen.

Neben der Annenkirche steht das ehemalige Pfarrhaus. Es wurde 1910 im englischen Landhausstil errichtet, geplant von Heinrich Straumer, der später den Funkturm entwarf. Heute trägt es den Namen Martin Niemöllers, beherbergt eine Ausstellung über die Bekennende Kirche und Räume für Vorträge und Seminare.

Die Annenkirche ist samstags und sonntags von 11 bis 13 Uhr geöffnet. Und zur Stärkung des Leibes sei das Café „Kornfeld“ empfohlen, Königin-Luise-Straße 38, unweit des U-Bahnhofs.

Jürgen Wandel

Kategorien Neuigkeiten aus der Gemeinde