Veröffentlicht am Mo., 28. Okt. 2019 10:00 Uhr

Menschen aus der Halenseegemeinde erinnern sich an den 9. November 1989

Berlin (Ost), Frühjahr 1989. Eine kleine Gruppe von (Theologie)Studenten/innen beschließt, für die  bevorstehenden Kommunalwahlen  das im Wahlgesetz  der DDR § 37 verbriefte Recht auf öffentliche Stimmenauszählung wahrzunehmen. Leicht wurde ihnen das nicht gemacht. Aber es gelang letztlich, die Auszählung zu kontrollieren und nachzuweisen, dass mitnichten das amtliche Traumergebnis von 99 Prozent Ja-Stimmen für die SED erzielt wurde, sondern es einen erheblichen Anteil von Nein-Stimmen gab, die Zustimmung teils deutlich unter 90 Prozent lag. Die politische Führung war der Lüge überführt, und die Wahlbeobachter demonstrierten gegen diese Lüge. Nein, das waren noch keine großen Demos mit Tausenden Teilnehmerinnen, sondern Protestaktionen von 60, 70 Leuten, denen Hundertschaften der Staatssicherheitskräfte gegenüber standen, die mit aller Härte gegen die Demonstrierenden vorgingen. Und doch, meint Joachim Krätschell, damals unter den Protestierenden, im Rückblick, waren es diese kleinen Nadelstiche gegen das SED-Regime, die für die ersten Risse in der Mauer sorgten.  Sie stellten Öffentlichkeit her und das Regime bloß. Dass noch im selben Jahre die Mauer fallen würde, war freilich für Joachim Krätschell so unvorstellbar, dass er im Sommer von Ungarn aus in den Westen floh.  So verfolgte er die weiteren Entwicklungen von Westberliner Seite aus. Er sah die berühmte Pressekonferenz mit Günter Schabowski bei Freunden in Nikolassee und nahm die Botschaft gar nicht ernst, die da verkündet wurde – zu unwahrscheinlich schien es ihm.  „Wir haben den Kopf geschüttelt und gesagt, kann ja gar nicht sein“ erinnert er sich. Als sich dann die Nachrichten überschlugen und die Wirklichkeit die kühnsten Träume übertraf, zog es ihn aber doch zum Brandenburger Tor, getragen von einer Welle der Euphorie, die alle, die ihm begegneten und mit ihm unterwegs waren, erfasst hatte. „Wildfremde lagen sich in den Armen, wir lachten und weinten zugleich, es war unglaublich. Jeder kam mit jedem sofort ins Gespräch, Ost, West, ganz egal, wir waren alle eins“, erzählt er von der Hochstimmung dieses Abends. Und doch: auf die Mauer kletterte er nicht – immer noch war da die Skepsis, die Furcht, es könnte jeden Moment kippen und alles zu Ende sein. Erst allmählich sickerte die Erkenntnis ein: Die Mauer ist Geschichte. Die nächsten Tage? „Ein Rausch“, sagt er, „wir waren high, die ganze Stadt. Gute Laune, eine so offene und herzliche Stimmung überall. Es war absurd und wunderbar zugleich, alle waren total glücklich.“ An dieses Glücksgefühl, findet er, wird heute viel zu selten erinnert. Nicht, dass er die Probleme der Gegenwart kleinreden wollte – auch er hatte seine ganz persönlichen Enttäuschungen zu verkraften, kurz nach der Ankunft im Westen, als jede Unterstützung von den Verwandten ausblieb, die zuvor bei ihren Besuchen  von der inneren Nähe zu den Ost-Verwandten getönt hatten. Das aber kann dem großen Glücksgefühl, das er auch in der Erinnerung an jenen 9. November 89 wieder spürt, nichts anhaben.  

Sie hatte den Checkpoint Charlie in Sichtweite, wohnte in einer Wohngemeinschaft (WG) nur etwa fünfzig Meter entfernt im Westberliner Teil der Friedrichstraße. Trotzdem hätte Andrea Sander die Nacht der Nächte beinahe verpasst.  Sie war zu einer Geburtstagsfeier in Friedenau eingeladen. Eine große Runde, in der sie auch mit einem Journalisten aus der DDR ins Gespräch kam. Der erzählte zwar von der Pressekonferenz mit Günter Schabowskis Mitteilung zur neuen Reiseregelung – aber Andrea Sander verstand es so, als handle es sich um eine nette Anekdote, einen besonderen Gag.  Die Tragweite war niemandem bewusst. „Es war einfach zu unvorstellbar, für uns alle“, erinnert sich die Juristin. Man ging zu anderen Themen über. Als sie gegen Mitternacht nach Hause kam, wunderte sie sich zwar über die vielen Autos in diesem sonst so ruhigen Straßenabschnitt nahe der Mauer.  Aber sie war müde, wollte eigentlich gleich ins Bett.  Doch da hing ein Zettel an der Haustür ihrer WG: „Andrea, Du musst sofort zum Checkpoint Charlie kommen! Wir erleben hier gerade Geschichte!“  Ihre Neugier siegte über die Müdigkeit, und am Checkpoint angekommen, war jeder Gedanke an Schlaf vergessen. „Ein vollkommen unwirkliches Gefühl“, erinnert sich Andrea Sander, „so viele glückliche Menschen, alle umarmten sich, man konnte es gar nicht richtig fassen, was gerade passiert. Lachen, Weinen, alles auf einmal, eine solche Freude – es war fast zu schön, um wahr zu sein. Zu groß, um es zu begreifen.“ Es war beinahe wieder Tag geworden, als sie nach Hause kam, und „in den nächsten Tagen ging es ja noch weiter, “ erzählt sie.  Die WG wurde zu einer Ost-West-Begegnungsstätte, man erzählte einander vom Leben im jeweils anderen Teil der Stadt. Manche Besucher, die auf einen Kaffee eingeladen worden waren, blieben bis in den Abend, andere auch ein paar Tage.  „Es gab eine große Neugier, einen Wissensdurst, wie der Alltag war im Osten und im Westen, und eine solche Offenheit, von sich zu erzählen, das war einmalig.“  Nächtelange Diskussionen, wie nun alles weitergehen werde, Warenengpässe im Supermarkt nebenan - „ das erste Mal, dass ich im Westen erlebt habe, dass es keinen Zucker mehr gab“, lacht Andrea Sander - , die überfüllten Straßen, Busse und Bahnen mit lauter gut gelaunten, fröhlichen Menschen, „Es war Freude pur!“  Andrea Sander arbeitet inzwischen seit vielen Jahren in Brandenburg, kennt die gegenwärtigen Ost/West-Probleme gut. Aber es bleibt diese Freude, die ihre Erinnerung prägt bis heute und sie darin bestärkt, die Probleme gemeinsam anzugehen und zu lösen.

Aufgeschrieben von Jutta Schreur  

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