Veröffentlicht am Fr., 29. Nov. 2019 09:49 Uhr

Weihnachten in binationalen Familien

Lucia und ihr Bruder Camilo können sich zu Weihachten gleich zweimal über Geschenke freuen; einmal Heiligabend und noch einmal am 1. Weihnachtstag morgens. So hat es ihr Vater Vicente selbst als Kind in Chile erlebt, und nun teilen Vicente und Ehefrau Katharina die Päckchen so auf, dass auch für den Weihnachtsmorgen noch die eine oder andere Überraschung übrigbleibt. Aus Chile kommen auch einige traditionelle Mapuche-Filzfiguren, sie gehören zur Krippe, die die Familie jedes Jahr aufstellt. Mapuche sind die Ureinwohner Chiles.  Sonst aber, meinen beide übereinstimmend, unterscheiden sich Deutschland und Chile in Sachen Weihnachten weniger als man denken könnte, abgesehen davon, dass das Fest in Chile im Hochsommer gefeiert wird und dann eher Wassermelonen als Bratäpfel auf den Tisch kommen und der Festtagsbraten, oft Truthahn, kalt gegessen wird oder man sich mit der ganzen Familie zum Grillen trifft.    

Familie und gutes Essen, das gehört auch in Italien unbedingt zu Weihachten, genauso wie die Krippe, die in jeder Familie aufgestellt wird, und der Kirchgang an Heiligabend, vor allem zur Mitternachtsmesse, erzählt Carlo Pace, er stammt aus den Abruzzen. Ein traditionelles Weihnachtsessen, das freilich nicht allen Familienmitgliedern schmeckt, ist Stockfisch; Carlo bereitet ihn jedes Jahr so sorgfältig wie liebevoll zu. Es bedarf nämlich einiger Vorbereitung, schon Tage vorher, bis der Baccala dann in unterschiedlichen Zubereitungsarten auf den Tisch kommt. Der Weihnachtsbaum wird mit vielen Süßigkeiten geschmückt, ein Kindertraum. Die Erwachsenen spielen nach dem Essen Tombola, eine Art Bingo. Am ersten Weihnachtstag kommt die ganze Familie zum Feiern zusammen, es gibt Tortellinisuppe, Fleisch und Panettone.  Alles in allem aber, meint Carlo Pace, werden in seiner Familie vor allem deutsche Weihnachtsbräuche zelebriert, vom Adventskalender, den es in Italien nicht gibt, über den Gänsebraten bis zu den Liedern. „Stille Nacht“ ist ohnehin international. Internationale Erfahrung in vielen Ländern haben Gertrude und Karl Flittner gesammelt. Beide waren im diplomatischen Dienst, kennengelernt haben sie einander in New York. Er stammt aus dem Rheinland, sie aus Gabun. Ein besonderes Weihnachtsfest, erinnern sie sich, haben sie in Burundi gefeiert. In der kleinen deutschen Gemeinde dort war kurz zuvor ein Kind geboren worden, das dann in die Krippe gelegt wurde während des Gottesdienstes. Weihnachtsvorbereitungen hatte Gertrude damals schon im Sommer getroffen und während des Urlaubs in Deutschland Mehl und andere Zutaten eingekauft, um deutsches Brot und Weckmänner zu St. Martin backen zu können.  Überhaupt wurde sie, die Gabunerin, die teilweise in Frankreich aufwuchs, zur (nicht nur) kulinarischen Botschafterin Deutschlands an den verschiedenen Stationen. Von ihrer Schwiegermutter bekam sie ein Kochbuch mit Familienrezepten, wie den traditionellen Springerle-Plätzchen, von einer Freundin das Rezept für Christstollen – unzählige Exemplare knetete und buk sie unter anderem für die Deutsche Schule in Moskau, wo die Familie drei Jahre lang lebte. Am besten, erzählt Gertrude, gefällt ihr, dass schon die Adventszeit in Deutschland so ausführlich begangen wird, die Kerzen, der Adventskranz, das Zusammenkommen mit Familie und Freunden. Den Kern dessen, was Weihnachten ausmacht, den hat sie aber in einer Klosterschule in Frankreich erlebt. Durch unglückliche Umstände kam es dazu, dass sie als einzige Schülerin im Internat bleiben musste an den Feiertagen. Traurig, wie sie war, wollte sie an der Mitternachtsmesse gar nicht teilnehmen, aber die Oberin ermunterte sie so nachdrücklich, dass sie doch kam. Nach der Messe führten die Nonnen sie in ein Zimmer, und sie bekam von jeder Nonne ein liebevoll ausgewähltes Geschenk. Was wie das traurigste Weihnachten begann, wurde zum schönsten.

Jutta Schreur    

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