Veröffentlicht am Mi., 3. Jun. 2020 12:30 Uhr

Predigen ohne Gemeinde, Anrufe statt Besuche
Gemeindeleben im Zeichen von Corona

Keine Gottesdienste, keine Gemeindefahrten, Seniorennachmittage und 

Ostermorgen 2020

Geburtstagsfeiern. Keine Geburtstags- und Krankenbesuche.  Die Küsterei  nur telefonisch oder per Mail erreichbar. Die Kita  nur mit Notbetreuung. Konfirmation verschoben auf einen Tag X. Wie ging und wie geht es den Menschen, die in der Gemeinde arbeiten, in der Krise– und denen, für die sie arbeiten?   Einige von ihnen erzählen hier von ihren Erfahrungen.

Heike Forwergk, Seniorenarbeit: Meine Arbeit ist momentan im Wesentlichen das Telefonieren. Besuche mache ich ja derzeit nicht, deshalb versuche ich, die Senioren zu Hause zu erreichen. Bei denen, die ich besucht habe, geht das zum Teil, im Altenheim nicht - oder dann telefonisch auch nur schwierig. Das empfinde ich als Belastung und hoffe natürlich immer noch, dass es nicht so lange andauern wird...Ich habe einigen im Heim schon geschrieben und versuche jetzt, je länger die Situation andauert, eine Mischung aus Anrufen und Schreiben. Bei den  Senioren vom Seniorencafé melde ich mich regelmäßig; ebenso bei den Jubilar:innen, von denen ich die Telefonnummern herausfinden kann. Ich merke auch, dass sie sich freuen. Wir sind ja alle in der gleichen Situation, das ist für alle auch tröstlich.

Patrizia Pace, Kita: Von einem zum anderen Tag ist die Zeit stehen geblieben. Alles runter gefahren, leere Kitaräume, leerer Garten, kein Kinderlachen und kein guter Geruch aus der Küche, kein Gespräch mit Eltern und Gemeindegliedern. Die ersten Tage und Wochen hieß es, planen, planen, planen……. welche Kollegen dürfen arbeiten, wer ist systemrelevant und wohin mit all diesen Informationen. Die Kita ist mittlerweile einmal umgekrempelt, gereinigt und aufgehübscht. Für mich als Mitarbeitervertreterin des Kitaverbandes bedeutet es außerdem viele Gespräche mit Kolleg:innen aus anderen Kitas unseres Verbandes. Viele offene Fragen, Ängste und Sorgen überall, die nach Antworten rufen. Außerdem gab es von Beginn an viele Treffen, Absprachen und Regelungen mit unserem Vorstand. Das war und ist sehr hilfreich für alle Kollegen im Verband. Es gibt ein Stück Sicherheit und Normalität wieder. Für mich persönlich ist jeder Tag eine Herausforderung, jeden Tag neu planen, organisieren und für die Kinder in der Notbetreuung bunt zu gestalten. Fazit.:  Alltag= Regeln, Mundschutz, Organisation, ungehaltene Menschen, Sorgen, Nöte und Hygienevorschriften.  ABER ein Kind in den Arm zu nehmen, wenn es weint und traurig ist, bleibt. Nase putzen auch, und zu guter Letzt das Strahlen in den Augen der Allerkleinsten, und das Lächeln auf ihren Lippen.

Nicole Woodgett, Küsterin, Mutter von zwei schulpflichtigen Söhnen und derzeit  wie ihr Ehemann vor allem im Homeoffice; sie geht nur einmal pro Woche in die Küsterei: Tatsächlich hatte ich das Gefühl, dass sich von einem Tag auf den anderen alles ändert: Plötzlich sollten 4 Personen von zu Hause aus arbeiten. Die ersten Wochen waren sehr herausfordernd. Die Anforderungen der Schulen sind hoch. Wir machen uns jeden Sonntag einen Arbeitsplan, wer wann die Kinder unterstützt, sodass jeder seiner Arbeit nachgehen kann. Aber jeder Tag ist anders. Das hängt natürlich auch mit der eigenen Stimmung zusammen- es gibt gute und nicht so gute Tage. Aber durch Austausch mit anderen Eltern weiß ich, dass es vielen so geht. Die Gespräche mit Frau Benus-Dreyer und meinen Kollegen haben mir in dieser Zeit auch sehr geholfen und gut getan. Ich hoffe einfach sehr, dass ich bald wieder jeden Tag mein Büro aufschließen darf. Mir fehlt der „Kundenkontakt“, der persönliche Austausch.

Carlo Pace, Hausmeister: Meine Frau und ich haben unsere „Freizeit“ meistens für liegengebliebene Arbeiten in der Wohnung genutzt. Zwischendurch war ich des öfteren in der Gemeinde. Da niemand dort war, konnte ich ohne Ansteckungsgefahr in Ruhe arbeiten. Ansonsten haben wir uns zwischendurch mit unseren Kinder per Videochat unterhalten. Was meine Verwandten anbetrifft in Italien, soweit sind alle gesund. Aber alle haben sehnsüchtig darauf gewartet, dass die strengen  Ausgangssperren aufgehoben werden.

Cornelia Benus-Dreyer, Pfarrerin Traurig für alle Beteiligten war, dass der Konfirmationstermin nicht gehalten werden konnte. Aber zum Glück ist die Gruppe, die in diesem Jahr konfirmiert werden soll, nicht so groß, sodass die Verständigung über einen Ersatztermin, hoffentlich im Herbst, nicht zu schwierig werden sollte. Wir, das gesamte Konferteam, stehen per WhatsApp und Telefon im Austausch mit den Konfirmand:innen, die Teamer schreiben den Jugendlichen und haben auch sie gebeten, zu schreiben, welche Gedanken und Gefühle sie bewegen;  da sind ergreifende  und berührende Texte gekommen.  Mit den Konfis wie den Eltern planen wir auch Videokonferenzen. So halten wir es auch mit der neuen, deutlich größeren Konfergruppe, die leider auf ihre Konferfahrt verzichten musste.  Ich versuche, immer auch das Gute im Schlimmen zu sehen, und zum Guten zähle ich zum Beispiel, dass wir alle im Umgang mit solchen Instrumenten wie Videokonferenz geübter geworden sind. Der Pfarrkonvent hat ebenso virtuell getagt wie der Gemeindekirchenrat. Eine neue und gute Erfahrung sind auch die Online-Andachten, die wir im gemeindeeigenen Tonstudio produzieren konnten und auf die es sehr viele dankbare Reaktionen gab, insbesondere auch für die wunderbare und kreative musikalische Gestaltung durch unseren Kirchenmusiker Christian Hagitte. 
Ich war erst unsicher, weil ich bei Gottesdiensten gerade die direkte Kommunikation mit der Gemeinde, die sofort sichtbare Resonanz, sehr schätze; ich habe auch gemerkt, dass ich im Studio anders sprechen, eine andere Haltung einnehmen muss. Das war ein Lernprozess, und er hat sich gelohnt, wie die vielen dankbaren Reaktionen zeigen. Auch auf die Jugendandachten online gab es sehr viel positive Resonanz, auch von älteren Gemeindemitgliedern. Schön und sehr ermutigend auch, dass  Reaktionen nicht nur von regelmäßigen Gottesdienstbesucher;innen kamen, sondern auch von Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht oder selten um 10 Uhr in den Gottesdienst kommen, diese Möglichkeit, die Gemeinde kennenzulernen, aber gerne genutzt haben. Schwierig ist es mit Beerdigungen; nur zwei Trauerfeiern hatte ich in den letzten Wochen, außerdem einige Beisetzungen, bei denen die Trauerfeiern verschoben wurden und nachgeholt werden sollen Wie das sein wird und was es für den Trauerprozess bedeutet, lässt sich noch gar nicht absehen. 
Seelsorgerliche Gespräche führe ich am Telefon, gratuliere auch den Geburtstagskindern auf diesem Wege und telefoniere überhaupt viel, dankbar, dass es diese Möglichkeit gibt. Aber ich freue mich doch sehr darauf, wieder Besuche machen und Menschen direkt und persönlich begegnen zu können!  Um aber noch einmal auf das Gute im Schlimmen zurück zu kommen: Eine angenehme Erfahrung für mich in den letzten Wochen war, dass ich meinen Alltag als weniger gehetzt empfunden habe und mehr Zeit hatte, um zum Beispiel in Ruhe ein Fachbuch zu lesen oder mich anderweitig fortzubilden.

Inge Sommer, Mitglied im Bastel- und Seniorenkreis, ehrenamtlich bei Laib und Seele: Ich bin ja sonst sehr aktiv und viel in der Gemeinde und fühle mich ziemlich ausgebremst. Die Treffen mit den Bastlerinnen und an den Seniorennachmittagen fehlen mir schon sehr. Wir telefonieren miteinander, Frau Forwergk und Pfarrer Krätschell rufen regelmäßig an, und auch Laib und Seele informiert uns immer sehr gut.  Aber es ist eben etwas ganz Anderes, ob man sich persönlich zum Basteln trifft und dabei plaudert oder allein zu Hause werkelt, und die Arbeit bei Laib und Seele ist gerade durch die vielen Kontakte sehr abwechslungsreich; das vermisse ich jetzt. Privat habe ich strenge Enkelkinder, die immer darauf geachtet haben, dass ich bei allen technischen Neuerungen auf dem laufenden bleibe, und so bin ich mit ihnen und den Urenkeln über Facetime verbunden und konnte auch die Online-Andachten der Gemeinde nutzen. 

Vicente Bernaschina, Vater zweier Kitakinder von 1,5 und 6 Jahren: Weder meine Frau noch ich arbeiten in systemrelevanten Berufen, betreuen unsere Kinder also zu Hause. Ich habe das Glück, einen familienfreundlichen Arbeitgeber zu haben, der uns z.B. gestattet, in dieser Zeit im Homeoffice eine Stunde weniger zu arbeiten. Schwierig an der Situation ist vor allem, dass es keine klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben gibt. Morgens sitze ich meistens ab sechs Uhr am Computer, bis die Kinder aufstehen, abends, wenn sie schlafen, sind wir oft auch bis kurz vor Mitternacht noch beruflich beschäftigt. Die Große vermisst ihre Kitafreunde, und wir fragen uns, ob der Kleine nochmal eine Eingewöhnungsphase braucht, wenn die Kita wieder anfängt.

Monika  Zulawski, Mutter eines Kita- und eines Schulkindes: Ich spreche inzwischen von Home-Wochen, einer variablen und unberechenbaren Mischung aus Home  Office, Home Schooling, Home Spieling, Haushalt und Ehrenamt. Der Verbrauch an Seife und Toilettenpapier ist gestiegen, der Wocheneinkauf ist voluminöser geworden und der „Verschleiß“ an Hörspielen hat einen Höhepunkt erreicht. Klar, ersteres geht auf das häufigere Händewaschen zurück, das Toilettenpapier und warme Mahlzeiten haben sonst unter der Woche Schule, Kita und Arbeitgeber gestellt.  Ich vermisse ein Kaffeetrinken beim Bäcker, ungestörte und effiziente Haushaltszeit mit lauter Musik für mich, eine Stunde am Stück konzentriert am Rechner sitzen. Dafür weiß ich wieder, wie die vier Fälle heißen und welcher Fall welcher ist, wie man schriftlich dividiert und wo Cornelia Funke geboren wurde. Ich freue mich über das Glockenläuten um 18 Uhr, das wir dank der frühlingshaften Temperaturen und offener Fenster hören. Und auf der Kirchentreppe essen wir Eis.


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