Veröffentlicht am Do., 18. Mär. 2021 23:29 Uhr

Abenteuer „Theologiestudium“ – von Dortmund bis an die Spree 

Warum studierst du denn Theologie? Glaubst du dann auch an Gott, an Jesus und die Auferstehung? Dann darfst du doch später keine Familie gründen, oder? Hättest du nicht was Richtiges machen können? Das kann doch nicht dein Ernst sein, damit kann man doch nur Taxifahrer werden! Da lest ihr doch den ganzen Tag nur in der Bibel, das ist doch kein Studium! Ich wusste gar nicht, dass es wirklich Menschen gibt, die so etwas studieren!

Was sich auf den ersten Blick vielleicht wie ein Witz anhört oder eine maßlose Übertreibung zu sein scheint, das ist für viele Theologiestudenten Alltag. Ständig stößt man, wenn man von dem eigenen Studium erzählt, auf Unverständnis, auf Verwunderung und manchmal auch auf Misstrauen. Dass es Pfarrerinnen und Pfarrer gibt, das wissen alle und doch kennen die wenigsten tatsächlich jemanden, der sich auf das große Abenteuer „Theologiestudium“ eingelassen hat, sodass viele nur sehr vage Vorstellungen davon haben, womit Theologiestudenten so ihren Alltag verbringen.

Dass ich irgendwann mal Theologie studieren und Pfarrer werden möchte, hätte ich vor fünf Jahren auch nicht gedacht, da schwebten mir doch eher der Anwalts- und Lehrerberuf vor. Nach meinem Abitur arbeitete ich, angeregt durch den Religionsunterricht und die tolle Konfirmandenarbeit, eine gewisse Zeit ehrenamtlich in der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten. Und ich erkannte, welch besondere Arbeit unsere Kirche leistet und wie sehr der Glaube Menschen Kraft geben kann, die sonst auf wenig hoffen können. Beseelt von dieser Erfahrung fuhr ich mit Jugendlichen aus unserem Kirchenkreis zum Kirchentag, der in Dortmund stattfand und mir noch einmal die ganze Vielfalt unserer Kirche und des christlichen Glaubens vor Augen führte.

Während einer der Abendandachten auf dem Friedensplatz in Dortmund, die der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm gestaltete, im Kerzenmeer und beim gemeinsamen Singen des Liedes „Der Mond ist aufgegangen“ kam mir der Gedanke, dass dies alles genau das ist, was ich mir für mein Leben wünsche: Menschen helfen, die in Not sind, ihnen beistehen und ihnen ein Lächeln und Hoffnung schenken, mit anderen den christlichen Glauben teilen und feiern, für die Kirche das Wort ergreifen, immer da sein, wo Menschen ein offenes Ohr und eine starke Hand brauchen und die großen theologischen Fragen ergründen.

Zurück in Berlin und angesichts eines nahenden Semesterstartes fasste ich dann den Entschluss und stellte den Antrag zur Immatrikulation als Student der Evangelischen Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Läuft man vom Hackeschen Markt aus an der Spree entlang Richtung Museumsinsel, die Augen auf den Berliner Dom gerichtet und den Fernsehturm im Blick, kommt man unweigerlich an einem alten, steinernen Gebäude mit großen Fenstern vorbei. In diesem Haus befindet sich die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität mit ihrer eigenen Zweigbibliothek. An dieser Fakultät studiere ich seit nunmehr eineinhalb Jahren und setze mich tagtäglich mit den vielen Inhalten und Themen des Theologiestudiums auseinander.

Dieses gründet sich auf fünf Fachgebiete, die durch viele weitere Themen und Bereiche, wie Religionswissenschaften, Religionssoziologie und Kirchenrecht, ergänzt werden. Die Kirchengeschichte, die sich mit der Geschichte der Kirche von der Antike über das Mittelalter und die Reformation bis hin zur Neuzeit beschäftigt, Studenten stets zum fleißigen Lernen der lateinischen Sprache auffordert und die großen theologischen Fragen unserer Zeit historisch einordnet, ist das erste der fünf Fachgebiete. Bei dem zweiten handelt es sich um die Systematische Theologie, die sich über Dogmatik, Philosophie und Ethik der Lehre des christlichen Glaubens und den Inhalten unserer Religion nähert und Themen wie Auferstehung, Sünde, ewiges Leben, Gnade und Nächstenliebe begreifbar macht. Die Praktische Theologie stellt ganz alltägliche Fragen, die sie aus theologischer Perspektive zu beantworten versucht. Predigtlehre, Gottesdienstgestaltung, Gemeindeaufbau, Pfarramtsverständnis und Religionspädagogik sind dabei nur einige der vielen Themen. Der Fachbereich Altes Testament, der gemeinsam mit dem Neuen Testament das Herzstück des Theologiestudiums bildet, verlangt von den Studenten gute Hebräischkenntnisse und eine gewisse Neugier bei dem Entdecken der Schriften des Alten Testaments, der damaligen Lebenswelt und den vielen Besonderheiten dieser alten Schrift. Der Fachbereich des Neuen Testaments verlangt Griechischkenntnisse und, ähnlich wie im Fachbereich Altes Testament, den Willen, sich mit Texten, die von einer ganz anderen Zeit berichten, auseinanderzusetzen und kritisch zu betrachten.

Der Alltag eines Theologiestudenten besteht hauptsächlich daraus, verschiedenste Texte, Quellen und Bücher zu lesen, zu verstehen und anschließend in den Austausch darüber zu treten. Das mag langweilig klingen. Zu sagen, dass Theologiestudenten Antworten auf die großen Fragen des Lebens suchen und sich tagtäglich mit immer neuen Aspekten unseres Lebens beschäftigen und die Welt aus den Angeln heben, ist vielleicht auch etwas zu pathetisch, aber doch ist beides wahr. Theologie zu studieren bedeutet, sich mit seinem Glauben auseinanderzusetzen und einen fundamental neuen Blick auf das Leben zu gewinnen. Das bedeutet, zu verstehen, warum wir an den Dreieinigen Gott glauben, warum die Auferstehung so zentral für unseren Glauben ist, warum wir unseren jüdischen Geschwistern auch im Glauben eng verbunden sind, warum wir Pfingsten feiern und warum nicht jeder Brief des Paulus auch wirklich von Paulus geschrieben wurde. Das bedeutet aber eben auch, sich hinzusetzen, lateinische Grammatik zu büffeln, über das griechische Partizip zu schimpfen und das hebräische Alphabet zu lernen. Und das macht mir alles ganz furchtbar viel Spaß und hat mich meine Entscheidung, Theologie zu studieren, noch nie bereuen lassen.

Markus Sachse

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