Veröffentlicht am Sa., 1. Mai. 2021 00:00 Uhr

Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! Sprüche 31,8

In einer Zeit wie dieser, in der Menschen tagtäglich vor Krieg und Gewalt fliehen, in kalten Nächten auf der Straße erfrieren, sich in Isolation mit häuslicher Gewalt konfrontiert sehen,  im Mittelmeer ertrinken und in Krankenhäusern und Pflegestationen weit über die eigene Belastungsgrenze hinaus arbeiten, da werden wir als Christinnen und Christen aufgefordert das Schweigen zu brechen, die Stimme zu erheben und für die Stummen und Schwachen unserer Gesellschaft laut zu werden. Was für ein tolle Vorstellung, was für eine Utopie: Christinnen und Christen stehen, gemeinsam mit der Kirche, für die Ausgestoßenen und Stummen ein, begleiten sie durch schwere Zeiten, verheißen ihnen Hoffnung und machen auf ihr Schicksal aufmerksam. Sie schauen nicht weg, sondern sie helfen da, wo sie dringend gebraucht und ein offenes Ohr gesucht wird.

Aber bleibt es viel zu oft nicht nur bei dieser Utopie, bei dieser Vorstellung? Schauen wir alle nicht viel zu oft weg, weil es einfacher ist? Gehen wir alle nicht einfach schnell weiter, anstatt zu helfen, weil uns das Leid und die Not unserer Mitmenschen unangenehm sind?

Ein Mensch, dessen Geschichte in der Bibel erzählt wird, der nicht weggesehen hat und der nicht schnell weitergelaufen ist, ist Jesus Christus. Jesus von Nazareth ging zu den Schwachen und nahm sich ihrer an, er berührte die Unberührbaren, nahm die Ausgestoßenen bei sich auf und hieß die Missachteten an seinem Tisch willkommen.

Diese ja fast schon radikale Form der gelebten Nächstenliebe, des Einstehens für die Schwachen und Stummen mag uns schwerfallen, mag nicht immer angenehm sein und ist vielleicht auch etwas viel verlangt, aber sie ist doch eines der wesentlichen Merkmale unseres christlichen Glaubens und Lebens.

Was es braucht sind Taten, die auf Worte folgen. Lippenbekenntnisse helfen den Schwachen und Stummen unserer Gesellschaft nicht, sie verbessern ihre Situation nicht und geben ihnen keine Stimme. Nächstenliebe, das Einstehen für unsere Nächsten, das ist wortwörtliche Handarbeit. Da muss dem Obdachsuchenden ein Schlafplatz angeboten werden, da braucht der Hungernde einen Tee und eine warme Suppe, da braucht es einen Schlafsack, ein offenes Ohr, da braucht es ein paar ausrangierte Winterstiefel, ein wachsames Auge, einen Sprachkurs, der von Ehrenamtlichen geleitet wird und eine Kirche, die ihre Türen nicht verschließt, die das gesellschaftliche Schweigen über Not und Leid bricht und entschlossen da anpackt, wo es eine helfende Hand braucht. Von niemandem wird erwartet, dass alles zu tun, überall anzupacken und immer die Stimme zu erheben, das kann keiner leisten. Vielmehr sollten wir es uns zur Aufgabe machen, immer so zu helfen, wie es uns möglich ist, denn schon die leiseste Stimme, die das Wort für die Stummen und Schwachen ergreift, bricht das Schweigen über Leid und Not.

Markus Sachse

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