Bebauung in Halensee um 1909Auf Anregung des Geheimen Konsistorialrats Kriebitz, Pfarrer und Vorsitzender des Gemeindekirchenrats von Wilmersdorf, treffen sich am 15. Februar 1901 eine Anzahl kirchlich interessierter Männer, allesamt Bewohner des Ortsteils Halensee, um über „geeignete Mittel zur Behebung des kirchlichen Notstands“ zu beraten. Aus diesem Treffen geht der Kirchbau-Verein Halensee hervor.

Von kirchlichem Notstand kann zu dieser Zeit mit Recht gesprochen werden, da es in ganz Halensee keine Kirche gibt. Die nächstliegenden Kirchen sind die Auenkirche in der Wilhelmsaue, dem alten Dorfkern von Wilmersdorf, und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Hinzu kommt im Jahre 1904 die Grunewaldkirche, wobei zu bemerken ist, dass Grunewald zu der Zeit nicht zu Wilmersdorf gehört und den Status einer selbständigen Landgemeinde hat.

Als vorläufige Lösung schlägt Pfarrer Kriebitz im Jahre 1901 vor, zur selbständigen kirchlichen Versorgung Halensees den einzig verfügbaren größeren Raum, die Turnhalle der Gemeindeschule in der Joachim-Friedrich-Straße zu gottesdienstlichen Zwecken herzurichten und zu benutzen. Dabei soll allerdings das eigentliche Ziel des Kirchbau-Vereins, eine eigene Kirche für Halensee, nicht aus den Augen verloren werden. Die Turnhalle wird in den folgenden Jahren als Gottesdienstraum benutzt, allerdings mit sehr mäßigen Besucherzahlen, da diese Räumlichkeiten eben doch nicht die Atmosphäre einer richtigen Kirche ersetzen können.

Dies führt dazu, dass ab 1904 viele Halenseer regelmäßig sonntags in die neu erbaute Grunewald-Kirche pilgern. An Feiertagen sollen es 300 bis 400 gewesen sein. Dies bringt natürlich Probleme mit sich. Die Halenseer treffen meist schon recht frühzeitig in der Kirche ein, und die Grunewalder Gemeindemitglieder bekommen oft keine Sitzplätze mehr.

Halenseer Zeitung vom 12.11.1905: »Das neue Wilmersdorfer Kirchbau Projekt«. Das Bild zeigt die geplante Kirche am heutigen Preußenpark.Über die Konsequenzen kann man in verschiedenen lokalen Zeitungen dieser Zeit nachlesen. Als Beispiel sei hier aus dem Grunewald-Echo vom 5. November 1905 zitiert. In der Rubrik Kleine Beschwerden findet sich der Leserbrief eines Halenseer Bürgers, der Bezug auf folgende, einige Ausgaben zuvor veröffentlichte Ankündigung nimmt:

 „In dieser Ankündigung hieß es wörtlich: ‚Der Eintritt zu der Feier ist frei. Damit jedoch bei einer etwaigen Überfüllung in der Kirche den Mitgliedern der hiesigen Kirchengemeinde gute Plätze gesichert bleiben, will der Gemeindekirchenrat denjenigen, welche sich als zur Parochie Grunewald gehörig ausweisen, vorher unentgeltlich Platzkarten in beliebiger Anzahl zur Verfügung stellen.‘

Diese sonst wohl nicht übliche Maßnahme des Gemeindekirchenrats von Grunewald mag manchem schwer verständlich erscheinen, wer aber einmal Gelegenheit gehabt hat, an einem Feiertage nach Schluss des Vormittags-Gottesdienstes beim Verlassen der Grunewaldkirche zu hören, wie sich Einwohner der Kolonie Grunewald nicht mit Unrecht darüber aufgehalten haben, dass die Sitzplätze ihres Gotteshauses immer mehr von den Halenseern besetzt würden, so dass sie stehen müssten, der wird sich dieselbe leicht erklären können und verstehen, von welcher Seite her die gefürchtete Überfüllung der Grunewaldkirche droht. Von der evangelischen Bevölkerung des Wilmersdorfer Ortsteils Halensee und besonders von demjenigen Teil derselben, welcher sich im Lauf der Zeit daran gewöhnt hat, die Andachten in der Grunewaldkirche zu besuchen, wird der zarte Wink des Gemeindekirchenrats von Grunewald sicher ziemlich schmerzlich empfunden werden. Der Gemeindekirchenrat von Wilmersdorf aber, der sich durch das von der Gemeinde Grunewald beliebte Verfahren doch in erster Linie wird getroffen fühlen müssen, dürfte m.E. allen Anlass haben, ernstlich darüber nachzudenken, wie solche das Interesse unserer evangelischen Landeskirche schwer schädigenden Mißstände zu beseitigen sind. Aber es wird wohl alles beim alten bleiben; denn leider scheint man dafür, dass die für die Halenseer zu kirchlichen Zwecken hergerichtete Turnhalle in der Joachim-Friedrich-Strasse einer Grunewaldkirche keine Konkurrenz machen kann und deswegen von den Kirchgängern ignoriert wird, in Wilmersdorf kein Verständnis haben, und der jüngst beschlossene Bau einer evangelischen Kirche an der Brandenburgstrasse wird, soweit es etwa den kirchlichen Bedürfnissen des Ortsteils Halensee Rechnung tragen soll, wegen der weiten Entfernung sicher ein neuer Schlag ins Wasser sein. Wer die örtlichen Verhältnisse kennt, der weiß, dass die Kirchgänger bei ungefähr gleichen Entfernungen immer geneigt sein werden, den weit schöneren Weg nach der Grunewaldkirche zu wählen.“  [7]

Im Jahre 1904 ist der Kirchbau-Verein in einer Krise: Die geringen Aussichten auf einen Erfolg in der Kirchbaufrage und andere Schwierigkeiten führen bis zur Diskussion um die Auflösung.

Plötzlich aber kommt frischer Wind in die Geschichte. In Übereinstimmung mit dem Kirchenrat beschließt die Kirchenvertretung, die oben erwähnte Kirche an der Brandenburgstrasse (heute: Brandenburgische Straße) zu bauen. Diese Kirche soll auf dem Gebiet des heutigen Preußenparks stehen. Dieser Platz und seine Umgebung sind zu jener Zeit fast unbebaut, außerdem liegt er recht weit vom Ortskern Halensees entfernt. Würde diese Kirche gebaut werden, hätte sich die Hoffnung der Halenseer auf eine Kirche im Zentrum auf absehbare Zeit zerschlagen.

Mit seltener Einmütigkeit schliessen sich sämtliche Vereine Halensees zusammen und am 27. Oktober 1905 kommt es zu einer imposanten Protestkundgebung im damaligen Kaiser-Wilhelm-Garten. Es bildet sich ein Aktionsausschuss der Halenseer Vereine, der mehrere Resolutionen an den Gemeindekirchenrat, den Gemeinderat, die Baubehörde und die Regierungsbehörde schickt.

Skizze der Fassadenansicht für die neue Kirche mit Portalinschrift »Allein Gott in der Höh sei Ehr«. Die Turmkonstruktion wurde schließlich leicht verändert.Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass diese gemeinsame Aktion der Halenseer, eine Bürger-Initiative im ursprünglichen Sinne des Wortes, einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung der Hochmeisterkirche ausübte.

Warum überhaupt dieser abgelegene Bauplatz für eine Kirche ins Spiel gekommen ist, darüber lässt sich nur mutmaßen: vielleicht haben die Wilmersdorfer gewisse Befürchtungen, dass der Ortsteil Halensee zu große Selbständigkeit erlangen könnte. Und so kam man vielleicht auf die Idee, einen Platz auszusuchen, der genau auf halbem Wege zwischen dem Wilmersdorfer Ortskern und dem Ortsteil Halensee liegt.

Der Aktionsausschuss bringt den Hochmeisterplatz, der schon Jahre zuvor vom Kirchbau-Verein in die engere Wahl genommen worden ist, erneut als Alternative ins Gespräch. Der Hochmeisterplatz ist zu jener Zeit noch keine angelegte Grünfläche, sondern lediglich ein Stück unbebautes, verwildertes Land.

Maurermeister Otto Schnock, Stadtrat und Mitglied des Kirchbau-Vereins, kann die Besitzer des Bauplatzes am Hochmeisterplatz, eine Erbengemeinschaft, dazu bewegen, den Bauplatz zu einem verhältnismäßig geringen Entgelt an die Kirchengemeinde zu verkaufen. Der Kaufpreis von 20.000 Mark entspricht in etwa einem Drittel der ortsüblichen Grundstückspreise. Damit ist die Standortfrage gelöst. Die Kontroversen und Diskussionen ziehen sich allerdings noch länger hin, bis sich schließlich auch der Gemeindekirchenrat von Wilmersdorf für den Standort Hochmeisterplatz entscheiden kann.

Nicht ganz ohne Probleme geht auch die Frage nach dem Architekten vor sich. Aus einem Beschwerdebrief von fünf Architekten an den Konsistorialrat Pfarrer Kriebitz geht hervor, dass die Bevorzugung des Kirchbau-Vereins Mitglieds Otto Schnock nicht unter fachkundiger Begutachtung der verschiedenen Entwürfe vor sich ging. Und so wird Maurermeister Otto Schnock letztlich aufgrund seines Engagements für diesen Kirchbau zum Architekten der Kirche am Hochmeisterplatz. wie sie zunächst heißt.

 

7.    Grunewald-Echo vom 5. November 1905: Grundsteinlegung und Einweihung der Kirche am Hochmeisterplatz.